Frankreich - Einmal ab durch die Mitte oder die "Diagonale du Vide"

La Belle France. Seit Wochen, nein, seit Monaten träumen wir vom Radfahren in Vincents Heimatland. Jetzt, am 02.05.2025, ist es endlich so weit. Die vergangenen Monate in Südeuropa und Marokko waren anstrengend und oft ärgerten wir uns über die nicht vorhandene Infrastruktur für Radfahrer. Das sollte sich nun in Frankreich komplett ändern: wir stellten uns vor, wie wir mit Baguette unterm Arm auf glatt asphaltierten Radwegen an Kanälen entlang rollen und dabei das Frühlingswetter genießen… Ob diese Wunschvorstellung dann auch der Realität entsprach und was Frankreich abseits des Radfahrens für uns bereit hielt, erfahrt ihr auf den folgenden Seiten.

Das erste, was uns auffällt, sind die vielen Radreisenden, die uns direkt nach Überqueren der spanisch-französischen Grenze begegnen: Solo-Reisende, Paare, Familien oder so wie wir mit ihren Vierbeinern unterwegs. Sie sind überall! Manchmal fragen wir uns, wo diese Menschen auf einmal alle herkommen? In Spanien trafen wir kaum andere Bikepacker und hier wimmelt es nur so von ihnen! Mit einer jungen fünfköpfigen Familie kommen wir kurz ins Gespräch: sie sind aus Spanien aufgrund des schlechten Wetters die letzten Kilometer mit dem Zug gefahren. Das erklärt vielleicht, warum wir auf spanischer Seite so wenig Radfahrer getroffen haben.

Tja, das Wetter ist tatsächlich nach wie vor wenig frühlingshaft. Auch Anfang Mai sind Regen, Wind und Gewitter weiterhin unsere treuen Begleiter. Trotzdem haben wir uns für heute Abend vorgenommen, auf einem Campingplatz zu übernachten. Vorher möchten wir noch im Küstenort St. Jean de Luz Halt machen, denn dort soll heute Roberto, unser Warmshowers-Host aus Burgos ankommen, der eine kleine Mehrtagestour durch die Pyrenäen gemacht hat und nun zurück nach Hause fährt. Und das Timing passt perfekt: wir haben es uns gerade auf einer Terrasse im Stadtzentrum gemütlich gemacht, da kommt uns unser neuer Freund strahlend entgegen. Zum späten Nachmittag ist nun auch noch die Sonne rausgekommen und so lassen wir bei einem Drink den Tag entspannt ausklingen. Danach geht Roberto noch auf Erkundungstour durch den Ort und wir radeln noch ca. fünf Kilometer zu unserem Campingplatz. So überrascht, wie wir über die hohen Preise für Lebensmittel in Frankreich sind, so staunen wir darüber, wie günstig das Übernachten auf Campingplätzen hier ist: nur etwas über zehn Euro zahlen wir für eine Nacht inklusive Warmwasser und bei sehr guter Lage direkt am Atlantik. So kann es gern weitergehen!

Am nächsten Tag radeln wir noch ein paar Kilometer an der Küste entlang Richtung Norden bis nach Biarritz, wo wir ein tolles kleines veganes Restaurant entdeckt haben. Nach dem Lunch geht es landeinwärts. Die Küste ist uns zu voll und wir wollen Vince‘ Tante in Agen besuchen. Ein kurzer Kaffee- und Einkaufsstopp in Bayonne und dann geht’s entlang des Flusses Adour Richtung Nordosten. Das Wetter ist weiterhin sehr wechselhaft und wir kommen unerwartet in einen Starkregen, der sich plötzlich in Hagel verwandelt. Und das mitten im Nirgendwo, ohne jegliche Möglichkeit zum Unterstellen. Wir fahren weiter, bis wir endlich einen Bauernhof entdecken, wo wir Schutz finden und abwarten, bis sich der Niederschlag ein wenig beruhigt hat. Die kommenden Tage sehen wettermäßig ähnlich aus.

Eines Abends suchen wir mal wieder einen Unterschlupf, da sich erneut dicke schwarze Regenwolken auf uns zu bewegen. Wir klopfen bei einer älteren Dame an und fragen, ob wir uns kurz in ihrem Schuppen unterstellen dürfen. Colette fragt uns, wo wir denn heute Abend schlafen wollen und als wir antworten, dass wir später, wenn der Regen aufgehört hat, unser Zelt aufschlagen wollen, lädt sie uns kurzerhand in ihr Haus zum Übernachten ein. Nach kurzem Zögern nehmen wir das Angebot dankend an und schlagen unser Nachtlager in einem leerstehendem Raum auf. Dann bekommen wir auch noch ein tolles, selbstgekochtes Abendessen mit Nudeln und Gemüse aus dem Garten spendiert. Damit haben wir definitiv nicht gerechnet! Am nächsten Morgen gibt’s heißen Kaffee und frisches Baguette mit hausgemachter Marmelade. Gestärkt für die nächste Radel-Etappe und erfüllt von Dankbarkeit verabschieden wir uns von unserer lieben Gastgeberin und setzen unsere Route Richtung Agen fort. Es geht weiter entlang von Flüssen und Kanälen und nach einem kurzen Stopp im Velo Café erreichen wir das Haus von Vince‘ Tante in Agen. Diese süße kleine Stadt hatten wir überhaupt nicht auf dem Schirm! Wir bleiben ein paar Tage und ein besonderes Highlight ist der Wochenmarkt im Stadtzentrum. Man hat das Gefühl, jeder kennt jeden und es herrscht eine total entspannte Atmosphäre. Und natürlich das tolle regionale Obst und Gemüse: es ist endlich Erdbeersaison und da schlagen wir richtig zu!

Nach einer knappen Woche heißt es Abschied nehmen. Immerhin müssen wir noch über 500 Kilometer zurücklegen, um rechtzeitig zum 70. Geburtstag von Vince‘ Mutter im Burgund anzukommen. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke machen wir einen Pausentag in Limoges bei einem Cousin von Vince. Wir übernachten bei ihm und seiner Freundin im Stadtzentrum und verbringen eine schöne Zeit zusammen. Dann geht es weiter durch das grüne Herz Frankreichs. Die Natur ist üppig und wild, das Wetter weiterhin unbeständig. Wahrscheinlich grünt es aufgrund des vielen Regens in der letzten Zeit so sehr. In den kommenden Tagen soll das Wetter endlich besser werden. Das nutzen wir und suchen uns nach einer kurzen Halbtagesetappe einen kleinen Campingplatz am See. Da wir uns noch immer außerhalb der Saison befinden, sind wir fast die einzigen Übernachtungsgäste auf dem Platz. Selbst die Rezeption ist nicht besetzt! Im Café nebenan wird uns erklärt, dass wir uns einen Platz aussuchen können und Check-in und Bezahlung später gemacht werden können. Gesagt, getan und so lassen wir den Tag am See ausklingen und genießen die endlich angenehmen Temperaturen.

Es folgen ein paar schöne Frühlingstage mit viel Sonne und um die zwanzig Grad. Da wir bis jetzt gut vorangekommen sind, haben wir genügend Zeit und gönnen uns ausgedehnte Pausen. Oft ist sogar eine Siesta in der Sonne drin. Weiter geht es durch grüne Natur, Wälder und Ackerland wechseln sich ab und es geht hauptsächlich über verkehrsarme Landstraßen. So weit, so gut. Was uns jedoch Probleme bereitet: es ist fast zu ruhig. Wir fahren durch ausgestorbene Ortschaften, ohne Supermärkte, Cafés oder Bäckereien. Manchmal müssen wir einen halben Tag fahren, um an ein Stück Brot zu kommen. Wasser müssen wir meist bei Dorfbewohnern auffüllen, was zum Glück problemlos klappt. Die Menschen hier auf dem Land sind echt super nett und hilfsbereit. In keinem Land kommen wir so oft mit den Leuten ins Gespräch wie in Frankreich. Ob es an der gemeinsamen Sprache liegt? Es vergeht jedenfalls kein Tag, an dem wir nicht angesprochen werden.

Auf jeden Fall verstehen wir jetzt, warum diese Region auch als „Diagonale du vide“ bezeichnet wird, also die Diagonale der Leere. Die fehlenden Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten nerven zwar, aber dafür haben wir auf den meist leeren, kleinen Straßen unsere Ruhe und können auch problemlos wild campen.  Am Abend bevor wir bei Vincents Mutter ankommen, suchen wir uns einen netten Platz zum Campen an einem alten Waschhaus. Diese „Lavoirs“, wie sie auf französisch heißen, sehen wir hier in fast jeder Ortschaft. Dieser Platz scheint aber der abendliche Treffpunkt von Jung & Alt zu sein, weswegen wir uns kurz vorm Dunkelwerden doch noch nach einem anderen Ort für unser Zelt umschauen.

Wir landen auf einer Wiese, welche von einer hohen Hecke begrenzt ist, sodass wir ungestört unser Nachtlager aufschlagen können. Eigentlich ist es hier schon fast zu perfekt. So ein wunderbar ebener Untergrund und Sichtschutz? Können wir hier wirklich einfach so campen? Auf Plakaten haben wir gelesen, dass am nächsten Morgen im Ort ein Lauf startet, darum möchten wir früh aufbrechen. Um sieben Uhr ist unser Zelt schon abgebaut und alles an den Fahrrädern verstaut. Zum Glück! Denn um halb acht treffen die ersten Teilnehmer des Laufes „La Randouillete“ auf „unserem“ Campingplatz ein. Wir haben nämlich auf dem Parkplatz gecampt!  Aber halb so schlimm, die Leute sind mal wieder super nett und interessiert und so quatschen wir noch ein paar Minuten mit den Läufern, bevor das Event startet und wir unsere vorerst letzte Radel-Etappe angehen.

Die lang ersehnte Pause bei Vince‘ Mutter tut gut, auch wenn die ersten zwei Wochen ein wenig anstrengend sind. Erst ein paar Tage Paris (nicht mit dem Rad!), um Familie und Freunde zu besuchen. Dann zurück ins Burgund, wo es mit Geburtstagsfeier und Familienbesuchen weitergeht. Natürlich ist es schön und wir freuen uns, alle wiederzusehen, aber so viel soziale Interaktion schlaucht auch. Vor allem, wenn man so lange nur zu zweit unterwegs war. Armin ist zufrieden, mal für längere Zeit ein Dach über dem Kopf zu haben und mit Lanzelot, dem Dalmatiner von Vince‘ Mutter, hat er auch einen neuen Freund gefunden. Lanzelot ist zwar schon zehn Jahre alt und somit nicht der dynamischste Spielbuddy, aber die gemeinsamen Spaziergänge scheinen beiden Spaß zu machen.

Spontan entscheiden wir, noch eine dritte Woche zu bleiben, um uns von dem ganzen Trubel zu erholen. Wir arbeiten im Garten, kümmern uns um die Vierbeiner und genießen die Ruhe. Und wir merken, dass es an der Zeit ist, nach Hause zu kommen. Das Leben aus den Packtaschen nervt uns immer mehr und wir können es kaum erwarten, endlich mal wieder in den eigenen vier Wänden zu sein. Ein bisschen fühlt es sich jetzt schon an, als sei die Reise vorbei. Es liegen aber noch über eintausend Kilometer vor uns!

Darum brechen wir nach insgesamt drei Wochen im schönen Burgund wieder auf. Wir starten am Canal du Nivernais, der über seine komplette Länge mit einem gut ausgebauten Fahrradweg ausgestattet ist. Entlang des Weges gibt es immer wieder kleine, nette Campingplätze, wo wir auch die ersten zwei Nächte verbringen. Der Kanal wird abgelöst vom Fluss Yonne und später radeln wir ein Stück entlang der Seine, wo sogar eine kleine erfrischende Badepause drin ist. Und dann passiert es: an Tag vier auf den Rädern bricht die Achse von Vince‘ Pedale. Nix geht mehr! Und wir haben noch gut dreißig Kilometer und einige Höhenmeter vor uns. Die Sonne knallt, es ist gerade Mittagszeit. Für den Abend sind wir mal wieder über Warmshowers eingeladen. Der nächste Fahrradladen befindet sich in Chateau-Thierry, in der Stadt, in der auch unsere Gastgeber leben. Wir rufen sie also an, in der Hoffnung, dass sie vielleicht eine Idee haben, wie wir dorthin kommen können. Denn zu Fuß würden wir erst am späten Abend ankommen, wenn überhaupt…

Drei Stunden später sitzen wir bei Helene im Auto. Und unsere Räder inklusive Gepäck sind im Anhänger verstaut! Wir haben so ein riesiges Glück, dass unsere Gastgeberin an diesem Nachmittag frei hat und dass ihr in letzter Minute noch eingefallen ist, dass sie ja einen kleinen Anhänger haben! Einen Termin in der örtlichen Fahrradwerkstatt konnten wir in der Zwischenzeit auch direkt für den nächsten Morgen klarmachen. Wir sind so dankbar! Bei Marc und Helene fühlen wir uns direkt wohl. Die beiden haben auch schon die ein oder andere Radreise unternommen und wir haben uns viel zu erzählen.

Aufgrund der großen Hitze bieten sie uns sogar an, noch eine zweite Nacht zu bleiben, um einen Pausentag einzulegen. Das nehmen wir dankend an und so haben wir die Möglichkeit, die „Fete de la Musique“ zu besuchen, die an diesem Wochenende stattfindet. Und wo Marc mit seiner eigenen Band einen Auftritt hat. Was für ein ereignisreiches, tolles Wochenende. Nach einem gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse geht es für uns am Sonntagmorgen weiter. Wir nähern uns auf wenig befahrenen Landstraßen der belgischen Grenze. Wieder fahren wir zum Teil dreißig Kilometer ohne an einer Bäckerei oder ähnlichem vorbei zu kommen. Wir sollten die Ruhe genießen, denn in wenigen Tagen werden wir erst Belgien, dann die Niederlande durchqueren. In den dichtbevölkerten Ländern werden wir uns vielleicht die menschenleere französische Wildnis zurück wünschen…