Belgien, Niederlande & Deutschland: die letzten 1.000 Kilometer
Sind wir noch in Frankreich? Oder schon in Belgien? Tatsächlich bekommen wir nicht mit, wann und wo genau wir die Grenze überqueren. Denn seit einigen Kilometern fahren wir auf Radwegen durch eine ländliche Gegend. Kurze Zeit später erreichen wir das kleine Städtchen Binche, unser erster Ort in Belgien. Es ist der 24.06.2025 und wir haben Frankreich nach fast zwei Monaten verlassen. Auf die Ankunft in Land Nummer zwanzig auf unserer Radreise stoßen wir (bzw. Vince) erst einmal mit einem belgischen alkoholfreien Bier an!
Tags darauf wollen wir bereits in Brüssel ankommen, darum haben wir uns für unsere erste Nacht in Belgien vorgenommen, wild zu campen. Dass das nicht so easy wie im dünn besiedelten Frankreich sein wird, war uns ja klar. Wir finden dennoch recht schnell ein passendes, ruhiges Plätzchen im Grünen. So scheint es zumindest. Nach und nach wird uns allerdings bewusst, dass wir direkt neben einer beliebten Rad- und Spazierroute unser Lager aufgeschlagen haben. Wirklich zur Ruhe kommen wir (und auch Armin) zwar nicht, aber wir sind auch zu faul um noch einmal umzuziehen. Außerdem gibt es auch keine wirklich bessere Option. Also Zähne zusammenbeißen oder besser gesagt: Augen zu und durch! Am nächsten Tag wartet ein komfortables Apartment in der Hauptstadt auf uns.
Das Wetter ist schwül und die Strecke verläuft den ganzen Tag am Kanal entlang auf einem asphaltierten Radweg. Einfach, aber auf Dauer auch langweilig. So werden unsere Radetappen in den kommenden Tagen wohl häufiger aussehen. Wir haben die direkteste Route von Frankreich nach Niedersachsen gewählt und sind uns bewusst, dass es definitiv nicht die schönste und aufregendste ist. Aber wir sind nach über zwei Jahren unterwegs reisemüde und möchten auf schnellstem Wege nach Hause. Eine kleine Pause in Brüssel ist natürlich trotzdem drin. Wir treffen Vince‘ Onkel, gehen lecker vegan essen und machen ein wenig Sightseeing.
Dann geht es auch schon weiter. Beim sehr schleppenden Herausfahren aus der Stadt dank unzähliger Baustellen und einer zum Teil sehr… interessanten Wegeführung für Radfahrer spricht uns Brecht an. Der fahrradbegeisterte Belgier ist total interessiert an unserer Reise und lädt uns spontan zu sich nach Hause ein. Leider müssen wir das Angebot ablehnen, weil wir noch einige Kilometer vor uns haben. Zeit für ein gemeinsames Selfie haben wir aber auf jeden Fall! Und wir bekommen noch einen super Tipp für die Weiterfahrt: es gibt eine Brücke mit einem Aufzug, in den wir samt gepackten Rädern und Anhänger rein passen sollen. So clever war unsere Navigationsapp natürlich nicht und so folgen wir dem Rat unseres neuen Radel-Kumpels. Und Tatsache: ohne die Taschen oder den Trailer abzunehmen, können wir einfach so in den Lift rollen. Armin muss nicht einmal aussteigen! Eine Premiere kurz vor Ende unserer Reise.
Mittagspause machen wir in Mechelen, die wohl hübscheste belgische Stadt durch die wir auf dieser Reise kommen. Es gibt eine beeindruckende Kathedrale und zufälligerweise direkt daneben ein tolles veganes Restaurant. Wir sind begeistert von dem Angebot hier in Belgien. In Frankreich oder Spanien, wo wir in den vergangenen Monaten unterwegs waren, gab es in kleinen Städten kaum vegetarische oder vegane Optionen. Gut gestärkt geht es weiter Richtung Campingplatz für die Nacht. Wildcampen haben wir uns für Belgien und die Niederlande abgeschminkt: zu viele Menschen, zu wenig Platz. Über vierzig Kilometer müssen wir an diesem Nachmittag noch schaffen. Da wir ausnahmsweise aber einmal Rückenwind haben (gefühlt seit Sagres in Südportugal nicht mehr!!), kommen wir überpünktlich an unserem Ziel an.
Am nächsten Tag verlassen wir bereits Land Nummer zwanzig und wir erreichen die Niederlande. Wir sind in Land Nummer einundzwanzig und nur noch eine Ländergrenze liegt auf dieser Reise vor uns. Für unseren ersten Abend im neuen Land erhalten wir spontan eine Zusage über Warmshowers. Aad empfängt uns mit einem leckeren Abendessen und wir verbringen ein paar schöne Stunden im idyllischen Garten. Er hat mit seiner Frau auch schon einige Radreisen unternommen, unter anderem auch nach Patagonien. Beim Stöbern durch sein Fotobuch bekommen wir schon wieder Fernweh, obwohl wir selbst noch auf Reisen sind. Am nächsten Morgen frühstücken wir noch ausgiebig zusammen und anschließend schauen wir uns den historischen Stadtkern von Den Bosch mit seiner spektakulären Kathedrale an.
Dann geht’s mal wieder über Radwege durchs Flachland, sodass wir wieder auf unsere aktuell durchschnittlichen siebzig Kilometer kommen. Wieder steuern wir einen Campingplatz an. Leider eine Enttäuschung, denn für über dreißig Euro bekommen wir einen Stellplatz, auf den gerade mal unser Zelt ganz knapp drauf passt. Die Bar hat geschlossen (am Wochenende in der Hochsaison!!), sodass man sich nicht mal abends ein kühles Getränk holen kann. Das war definitiv der Campingplatz mit dem schlechtesten Preis-Leistungs-Verhältnis unserer Reise!
Nun sind es nur noch gut einhundert Kilometer bis zu meinen Eltern! Das könnten wir theoretisch an einem Tag schaffen, aufgrund der großen Hitze entscheiden wir uns aber, die Strecke auf zwei Etappen aufzuteilen. Wieder machen wir über siebzig Kilometer, sodass wir am nächsten Tag nur noch etwas mehr als dreißig vor uns haben. Kurz vor der deutschen Grenze dann nochmal eine coole Überraschung: ein Selbstbedienungscafé mitten in der Pampa. Die Kasse mit Wechselgeld befindet sich frei zugänglich im Kiosk – alles auf Vertrauensbasis! So etwas sehen wir hier tatsächlich zum ersten Mal. Das Timing passt auch perfekt: die Nacht zuvor haben wir auf einem privaten Mini-Campingplatz ohne jegliches Frühstücksangebot verbracht. Jetzt können wir hier noch unseren morgendlichen Kaffee trinken, bevor wir die letzten Kilometer bis zu meinen Eltern zurücklegen.
Mal wieder passieren wir eine unscheinbare Grenze auf kleinen Feldwegen und schwupps, sind wir in Deutschland. In dem Land, in dem unsere Reise vor über zwei Jahren begann. Als wir im Mai 2023 in Berlin aufgebrochen sind, rechneten wir nicht damit, dass so viel Zeit vergehen wird, bis wir die Grenze erneut überqueren werden. Aber noch sind wir nicht zurück in Berlin! Es liegen noch rund 600 Kilometer vor uns. Nun aber erst einmal Pause bei meinen Eltern in Niedersachsen, nur ein paar Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Und mal wieder passt das Timing perfekt: wir kommen zwei Tage vor meinem Geburtstag an, sodass wir diesen entspannt mit der Family verbringen können.
Während unserer Reise haben wir den Großteil unseres Besitzes bei meinen Eltern auf dem Dachboden gelagert. Hauptsächlich Klamotten und ein paar Unterlagen, viel mehr haben wir nicht. Aber allein schon der Anblick eines vollen Kartons mit Kleidung überfordert uns. Sind wir bereit für ein „normales“ Leben zurück in Berlin? Wenn wir hier schon so überwältigt von den Dingen sind, wie wird es dann erst, wenn wir wieder richtig zu Hause sind? Diese Fragen werden erst einmal verdrängt. Insgesamt zwei Wochen verbringen wir auf dem Dorf bei meinen Eltern, bis wir dann definitiv den Endspurt starten: 600 Kilometer durch Deutschland grob von West nach Ost mit kleiner Verschnaufpause im Harz.
Der Juli geht wettermäßig so weiter wie er angefangen hat: mit viel Regen und recht kühlen Temperaturen. Die ersten zwei Nächte buchen wir uns Unterkünfte, am dritten Tag beschließen wir, trotz schlechten Wetters auf einem Campingplatz zu zelten. Blöde Idee! Es regnet den ganzen Abend bis spät und morgens geht es genauso weiter. So haben wir uns unsere letzten Tage auf dem Fahrrad sicher nicht vorgestellt. Und das mitten im Juli! Zum Glück wird es ab mittags etwas freundlicher und gegen Abend kommt sogar die Sonne raus. Wir finden einen tollen Platz mit Aussicht mitten in der Natur, wo wir für die Nacht unser Zelt aufstellen. Endlich mal wieder ein schöner Sonnenuntergang. Gestern Abend haben wir geflucht, heute könnte es kaum besser laufen. Auf Langzeit-Radreise ist jeder Tag so unterschiedlich und es ist für uns schwer vorstellbar, bald wieder in einem routinierten Alltag anzukommen. Andererseits sehnen wir uns auch wieder nach etwas Beständigkeit und wollen zur Ruhe kommen. Noch 400 Kilometer bis Berlin.
Am nächsten Tag probieren wir es bei 1NiteTent, eine Community, wo Leute ihren Garten oder ihr Grundstück Reisenden zum Übernachten anbieten. Und wir haben direkt Glück! Malte nimmt unsere Anfrage sofort an und lädt uns zu sich ein. Einen Hund hat er auch, was uns besonders freut, da Armin auch mal wieder etwas Gesellschaft vertragen könnte. Unser Gastgeber und auch seine Hündin sind total sympathisch und wir verbringen einen netten Abend zusammen. Küche und Draußen-Dusche können wir auch benutzen, wunderbar! Unser Zelt dürfen wir im Gewächshaus aufstellen – hatten wir auch noch nicht. Gern hätten wir noch stundenlang mit Malte gequatscht, denn er hat so viele spannende Reise- und Abenteurergeschichten zu erzählen, aber bei uns ist die Müdigkeit nach einem langen Radeltag einfach zu groß.
Außerdem steht am nächsten Tag eine herausfordernde Etappe mit einigen Höhenmetern an. Wir möchten im Harz zumindest eine kleine Strecke durch die Berge fahren. Es geht für uns zwar nur rauf auf ca. 500 Meter ü.M., die Anstiege sind dafür zum Teil aber ganz schön steil. Und die Beschaffenheit der Wege ist hier und da auch alles andere als perfekt. Immer wieder mal holpert es über Kiesel und loses Gestein. Obwohl es nur wenige Kilometer bergauf geht, sind wir danach total geschafft. Kein Wunder, denn die letzten Wochen sind wir ja fast ausschließlich durchs Flachland geradelt. Aber nach jedem Bergaufstrampeln kommt ja bekanntlich eine Abfahrt. Und so können wir uns kilometerlang rollen lassen, bis es wieder relativ eben wird und wir entspannt in die Altstadt von Goslar fahren. Hier machen wir Mittagspause und planen den weiteren Tagesverlauf, denn es ist mal wieder Regen angesagt. Ziemlich ärgerlich, gern hätten wir noch einmal in der Natur gecampt.
In Wernigerode finden wir spontan für den gleichen Abend eine super Unterkunft und sind froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Abends und nachts regnet es mal wieder ordentlich und leider soll es in den kommenden Tagen ähnlich aussehen. Nach unserer Ankunft am frühen Abend machen wir noch eine kleine Tour durch das Stadtzentrum mit den vielen alten Fachwerkhäusern und dem beeindruckenden Schloss, das wir allerdings nur von weitem bewundern. Für die kommenden vier Nächte haben wir uns in ein kleines, süßes Ferienhaus in der Nähe von Quedlinburg eingemietet. Eine letzte Pause in der Natur, bevor es zurück nach Berlin geht.
Da wir beide noch nie im Harz waren, wollten wir die Gelegenheit nutzen, um die Region ein wenig zu erkunden. Das Wetter spielt leider nicht ganz mit, aber zumindest die nähere Umgebung unserer Unterkunft schauen wir uns per Rad und zu Fuß zwischen den Regenschauern an. Ein Spaziergang entlang der bekannten Teufelsmauer, die nur einen Katzensprung von unserem Häuschen entfernt ist, darf natürlich nicht fehlen. Ansonsten lassen wir es ruhig angehen, genießen unser Feriendomizil und machen Recherchen für unsere Rückkehr nach Hause. Noch 225 Kilometer bis Berlin.
Die letzte Pause unserer Radreise geht zu Ende und wir starten in die letzten Tage im Sattel. Ein kurzer Kaffeehalt in der UNESCO Welterbestadt Quedlinburg muss sein. Dann geht es erst über Radwege, dann auf Landstraßen durch Sachsen-Anhalt. Tagesziel ist mal wieder ein Campingplatz. Ein ziemlich gut besuchter Campingplatz. Er befindet sich an einem See und es ist Ferienzeit. Dass es voll ist, hätten wir uns also denken können. Die Müdigkeit siegt bei uns aber einmal mehr und so lassen wir uns von den Feierlichkeiten ein paar Meter neben unserem Zelt nicht weiter stören. Trotzdem beschließen wir: morgen wollen wir nochmal in der Natur schlafen. Vielleicht das letzte Mal auf dieser Reise.
Wieder mal ein recht langweiliger Radeltag. Viel Geradeausfahren, wenig Highlights. Dafür ein mega Sonnenuntergang am Ende des Tages. Ab morgen soll es wieder regnen. Abends im Zelt überlegen wir hin und her, ob wir für die nächste Nacht eine Unterkunft buchen sollen oder nicht. Dieses ständige Um- und Neuplanen nervt uns mittlerweile sehr und kostet viel Energie. So schön es auch ist, spontan zu sein und oft morgens nicht zu wissen, wo man abends landet, schlaucht es uns einfach nur noch und macht uns müde. Morgen also wieder Hotel. Bei dem Regen, der in der Nacht herunterkommt, sind wir auf jeden Fall froh, drinnen im Trockenen zu übernachten. Und am nächsten Morgen müssen wir uns nicht unsere Haferflocken mit Wasser vor dem nassen Zelt zubereiten, sondern können entspannt am Frühstücksbuffet schlemmen. Noch weniger als hundert Kilometer bis Berlin.
Die letzten zwei kleinen Tagesetappen unserer Reise warten auf uns. Los geht es nass und matschig. Wir sind mittlerweile im Bundesland Brandenburg und es geht durch Wald- und Feldwege – zum Teil auf sandigem, zum Teil auf asphaltiertem Untergrund und zwischendurch immer wieder auf unserem geliebten (Achtung: Ironie!) Kopfsteinpflaster! Kilometer um Kilometer nähern wir uns der Hauptstadt, aber wir wollen nicht zu schnell ankommen. Heute Abend möchten wir ein letztes Mal draußen übernachten und wollen deswegen nicht zu nah an die Stadt heran fahren. Ungefähr 15 Kilometer vor Potsdam entdecken wir ein passendes Waldstück, wo wir unser letztes Nachtlager aufschlagen wollen. Es ist erstaunlich, wie wild und zum Teil unberührt die Natur so nah an der Großstadt manchmal ist. Wer hätte gedacht, dass wir so kurz vor Berlin noch einmal völlig ungestört campen können? Auf jeden Fall ein gelungener Abschluss unserer Radreise!
Am 29.07.2025 ist es dann soweit: wir erreichen Berlin. Nach zwei Jahren und fast drei Monaten unterwegs und über 20.000 Kilometern in den Beinen sind wir wieder da, wo alles angefangen hat. Eine einzige Regel hatten wir uns für diese Reise selbst vorgeschrieben und uns bis zum Ende daran gehalten: kein Flugzeug. Wir wollten bewusst langsam reisen und das haben wir auch getan. Gerade auch diese langsame Rückkehr mit den vielen Zwischenstopps hat uns vielleicht schon Schritt für Schritt auf das finale Ankommen vorbereitet. Oder auch nicht? Das werden wir noch herausfinden. Heute geht’s erst einmal zu unseren Freunden Suse und Micha nach Friedrichshain. Die beiden haben wir in Armenien (vor mittlerweile fast zwei Jahren!) kennengelernt und wir dürfen die ersten Nächste bei ihnen verbringen, bis wir zurück in unsere Wohnung können.
Also noch einmal Kurzurlaub in der eigenen Stadt! Wir werden super herzlich empfangen und auch Armin fühlt sich direkt wie zu Hause. Die beiden waren selbst auch zwei Jahre mit dem Rad unterwegs und sind seit einigen Monaten wieder zurück in Berlin. Wir haben uns also viel zu erzählen und verbringen eine tolle Zeit zusammen. Sie haben uns definitiv das Ankommen und das Ende der Reise versüßt! Obwohl wir es zwischendurch vermisst haben, überfordert uns das wahnsinnig große Angebot an Cafes, Restaurants und Shops erstmal. Natürlich genießen wir aber auch die Möglichkeit, zwischen so vielen Optionen wählen zu können und entscheiden uns am ersten Abend in Berlin in einem veganen japanischen Restaurant essen zu gehen. Am nächsten Tag stehen ein paar administrative Termine bei uns an und nachdem wir diese hinter uns gebracht haben heißt es: ab auf die Räder für die letzten vier Kilometer unserer Radreise…
